Hohe Dichte = niedrige Lebensqualität?

Im Zuge der Diskussion um das Baugebiet „Höhe“ (die Badische Zeitung hat berichtet) hat ein Gemeinderatskollege in einer Diskussion bei Facebook die These „Hohe Dichte = niedrige Lebensqualität!“ aufgestellt. Leider ohne bislang irgendwelche Fakten zu liefern. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft von SPD, CDU, Freien Wählern und FDP, die in ihrem Antrag auf Ausweitung des Baugebiets Höhe unter anderem schreiben:

Studien zeigen außerdem, dass zu enges Wohnen erhebliche psychische und gesundheitliche Belastungen auslöst.

Leider konnten mir die entsprechenden Studien seitens der Antragsteller nicht benannt werden, genannt wurden mir lediglich einige Zeitungsbeiträge zu Erkenntnissen aus der Hirnforschung, die zeigen, dass Großstadtbewohner eher psychisch krank sind verglichen mit Menschen vom Lande. Nun: Mit engem Wohnen hat das erstmal garnichts zu tun – den Großstädte unterscheiden sich auch sonst ganz massiv vom platten (oder bergigen) Land. Dass sich die „Steigerung des Nervenlebens“ (Simmel) auch in psychischen Krankheiten manifestiert, ist nicht wirklich überraschend. Sonderlich seriös finde ich es jedenfalls nicht, mit „Studien“ zu argumentieren, die es so garnicht gibt.

Wie sieht es in Freiburg aus?

Nachdem ich im Netz auch nichts zur Frage des Zusammenhangs von Dichte und Lebensqualität gefunden habe, habe ich mal geschaut, was seitens der Stadt so an Datenmaterial vorliegt, was zur Klärung der Frage beitragen könnte.  Die folgenden Daten sind aus dem Sozialbericht 2010, den Ergebnissen der Bürgerumfrage 2010 sowie aus dem Statistischen Jahrbuch 2011. Über FRITZ – Online-Statistik sind die Daten auch auffindbar.

Fangen wir bei der Dichte an: Wie können wir diese operationalisieren? Es bietet sich an, hier die Zahl der Einwohner pro Hektar zu nehmen, diese Zahl findet sich in der Städtischen Statistik. (Hingewiesen werden muß hier aber, dass diese Zahl nicht ganz unproblematisch ist: Denn die Stadtteile unterschieden sich z.B. auch in der Anzahl der Fläche, die für Gewerbe genutzt wird, das könnte zu einer Verzerrung führen, so dass vielleicht einige Stadtteile „dichter“ sind als es den Anschein hat) Freiburgs Stadtteile unterscheiden sich ihrer Dichte nach sehr – von eher dörflich geprägten Bereichen (insbesondere die Tunibergortschaften) bis hin zu Vierteln, die dicht besiedelt sind – am dichtesten das Vauban, ziemlich dicht auch das Alt-Stühlinger mit seiner Blockrandbebauung und die Oberau.
Lebensqualität zu operationalisieren ist schwierig. In der Bürgerumfrage 2010 wurde aber explizit und differenziert nach der Zufriedenheit mit der eigenen Wohnsituation gefragt, darunter auch nach der „Zufriedenenheit mit der Gestaltung des Wohnumfeldes“. (Auch hier ein Disclaimer: Das war eine schriftliche Befragung, die Fallzahlen in den einzelnen Quartieren sind nicht allzu hoch). Verglichen mit anderen Fragen scheint mir das noch am ehesten als Indikator für Lebensqualität im Kontext der Frage nach einem Zusammenhang von Dichte und Lebensqualität brauchbar zu sein. Denn einen Zusammenhang zwischen hoher Dichte und einer Unzufriedenheit mit der Gestaltung des Wohnumfelds ist ja nicht unplausibel, wenn hohe Dichte z.B. als „Käfighaltung“ wahrgenommen wird.

Ergebnisse: Kein erkennbarer Zusammenhang

So sieht es aus, wenn man die Zufriedenheit mit der Gestaltung des Wohnumfelds in Abhängigkeit von der Dichte darstellt. Es gibt keinerlei erkennbaren Zusammenhang. Die Zufriedenheit ist sowohl im dörflichen Kappel als auch im sehr dichten Vauban sehr groß. Weniger zufrieden sind die Leute sowohl in Hochdorf als auch in Landwasser als auch in der Oberau – ähnliche Werte bei gänzlich anderen Dichten. Und sowohl in dicht- als auch weniger dichtbesiedelten Teilen des Stühlingers ist die Zufriedenheit – für Freiburger Verhältnisse – niedrig.
Es scheinen also andere Faktoren die Zufriedenheit mit dem Wohnumfeld zu beeinflußen. Einer dieser Faktoren ist – unüberraschend – das Vorhandensein von Armut im Stadtteil (hier mal operationalisiert als Anteil der Menschen, die von Hartz IV leben):

Hier ist ein deutlicher Zusammenhang zu erkennen (r=0,5). Das ist aus verschiedenen Gründen plausibel. Zum einen ist Armut mit einer geringeren Lebensqualität verbunden, die sich sicherlich auch auf die Bewertung des Wohnumfelds niederschlägt. Zum anderen kann sichtbare Armut von Dritten als Beeinträchtigung des Wohnumfelds wahrgenommen werden.
Fazit: Für einen Zusammenhang von Lebensqualität und Dichte kann ich keine Hinweise erkennen. Einen Zusammenhang gibt es aber zwischen der Lebensqualität und dem Anteil an Armut in verschiedenen Stadtteilen – wenig überraschend.