Leider: Freiburg (erst mal) ohne LibreOffice

Ich hatte ja schon vor der Entscheidung was zum Thema geschrieben – wer die Vorgeschichte nicht kennt, sollte sie dort nachlesen.

Was ist in Freiburg gescheitert?

Nicht gescheitert ist in Freiburg Open Office. Gescheitert ist vielmehr die in Freiburg gewählte Strategie der Einführung von Open Office. Diese ging – grob vereinfacht – davon aus, dass sich OpenOffice wohl auf wundersame Weise automatisch durchsetzt – trotz parallel weiter installiertem MS Office 2000. Insofern kann man bei der aktuellen Entscheidung nicht von einem Umstieg zu Microsoft sprechen, sondern eher von mangelndem Mut, eine Einführung von einem freien Office endlich ernsthaft anzugehen – was eben auch einen ganz anderen Schulungsaufwand usw. bedeuten würde. Dass diese Herausforderung gescheut wird, ist verständlich. Es fehlt an den Voraussetzungen: Denn das Organisationsgutachten zum IT-Bereich hat gezeigt, dass es grundlegende Organisations- und Steuerungsprobleme gibt. Und in der Vergangenheit haben große Probleme zwischen IT und Fachverwaltungen bestanden. Dass das Projekt Office-Migration nicht funktioniert hat, liegt sicher auch an mangelndem Rückhalt seitens strategischer Akteur*innen (Amtsleiter*innen, Bürgermeister*innen, Stadtrat). Aus Stadtratssicht zeigt sich mal wieder: Es empfiehlt sich nicht nur gute Beschlüsse zu fassen, man muß auch die Umsetzung aktiv begleiten und beobachten, wenn man möchte, dass die Ziele der eigenen Beschlüsse auch erreicht werden.

Das Gutachten

Im Rahmen einer Organisationsuntersuchung der städtischen IT wurde auch das Thema Office-Strategie behandelt – d.h. Die Office-Frage ist nur ein Randaspekt einer umfassenderen Untersuchung gewesen. Das erklärt vielleicht auch, weshalb das Gutachten an manchen Stellen ziemlich angreifbar ist. Die Open Source Business Alliance hat die zentralen Kritikpunkte herausgearbeitet und alle Stadträte in einem Offenen Brief darüber informiert (an dieser Stelle vielen Dank für die tolle Unterstützung – die Zeit war ja knapp, um eine fundierte Kritik zu formulieren). Für mich ist der Hauptpunkt die für mich vollkommen falsche Bewertung einzelner Aspekte. So wurde die Aufspaltung in LibreOffice und Apache Open Office als Nachteil gewertet – wohin gegen ich in einem Wettbewerb eigentlich eher Vorteile sehe. So wurde der Support bei MS Office als besser gewertet, weil es sich ja um ein kommerzielles Unternehmen handelt – ich hätte das genau umgekehrt gesehen: OSS kann und wird in der Regel viel schneller gefixt. So wurden die ganzen Konvertierungsprobleme Open Office als Problem angekreidet – obwohl doch Microsoft offene Standarts – selbst das eigene OOXML – nicht umsetzt.

Der Gutachter

Wenige Stunden vor der Abstimmung kursierte ein Mail, dass den Gutachter, Herrn Terglane von der Firma excientes mit einer anderen Firma in Verbindung bringt, die zertifierter Microsoft Partner ist. Und die Frage stellt, ob man damit den Bock zum Gärtner gemacht habe. Das Thema wurde auch in der Debatte im Gemeinderat aufgeworfen. Ehrlich gesagt: Mich interessiert in der Regel relativ wenig, welche Verbindungen jemand hat, mich interessiert eher, ob die Leute fair und sachlich diskutieren. Ich habe den Gutachter in mehreren (nicht-öffentlichen) Sitzungen als sehr fairen und kompetenten Diskussionspartner erlebt. Der Gutachter hat zugegeben, dass man auch zu einer anderen Bewertung kommen kann und die grundsätzliche Leistungsfähigkeit von OpenOffice nicht in Frage gestellt. Im Rahmen der Organisationsuntersuchung der städtischen IT (Die Office-Frage ist da nur ein Randaspekt) hat der Gutachter IMHO einen guten Job gemacht. Es gibt so viele gute Argumente pro Open Office – Verschwörungstheorien über den Gutachter sind kein gutes Argument und bringen uns nicht weiter.

Die Diskussion

Gemeinderät*innen sind Ehrenämtler*innen. Mit welchen Bergen von Sitzungsunterlagen und welchem Zeitaufwand das verbunden ist – darüber habe ich ja schon mal berichtet. Es ist vollkommen klar, dass Gemeinderät*innen sich nicht in allen Bereichen gut auskennen können. In großen Fraktionen (in Freiburg Junges Freiburg/Die Grünen, CDU und SPD) kann man sich die Arbeit halbwegs gut aufteilen, bei drei oder vier Leuten geht das nicht mehr. Häme ist daher fehl am Platz. Klar ist es peinlich, wenn ausgerechnet aus dem heise-Forum Argumente pro Microsoft-Produkte herangezogen werden. Aber andererseits, ist es schön, dass einige Leute zumindest mal mitbekommenen haben, dass es so etwas wie ein heise-Forum überhaupt gibt…

Es wäre zuviel verlangt gewesen, eine hochstehende Debatte zu erwarten und dennoch war die Debatte ein Highlight meiner bisherigen Ratsarbeit. Denn alle Gegner*innen der Abkehr von Open Office – JF/Grüne, Unabhängige Listen, FDP und GAF – haben sehr gute Beiträge gehalten, die zusammengenommen die unterschiedlichen Aspekte, die für einen Einsatz von quelloffener Software sprechen, umfassend dargestellt waren. An dieser Stelle muß man der gesammelten Open Source Gemeinde ein dickes Lob aussprechen, die Open Source Business Alliance habe ich ja weiter oben schon erwähnt – nochmals: Danke! Und hätten die Freien Wähler ihre Meinung nicht im Laufe des Tages von einer Enthaltung zur Zustimmung geändert, dann wäre es sehr sehr eng geworden. Die Redebeiträge von CDU, SPD und FW waren eher schwach – auf die Argumente pro OSS wurde kaum eingegangen.

Wie geht es nun weiter in Freiburg?

Ich habe weiter oben und an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass das Migrationsexperiment in Freiburg wesentlich an mangelndem politischen Rückhalt und an Organisationsproblemen gescheitert ist. Bevor wir das Thema freies Office (oder gar eine Umstellung auf ein freies Betriebssystem im Desktopbereich) noch einmal in Freiburg angehen können, müssen diese beide Themen angegangen werden.

Ich habe in der Vergangenheit bereits gemeinsam mit einem Kollegen der SPD das Thema Open Data aufgegriffen. Gemeinsam werden wir uns nun darum kümmern, IT-Themen stärker im Freiburger Stadtrat zu verankern und die Umstrukturierungsprozesse in der Verwaltung begleiten.

Ach ja: Till Westermayer hat auch ein paar kluge Zeilen zum Thema geschrieben.

Teile diesen Inhalt: