Es ist halt doch der Bundestrend und hat mit den Ländern recht wenig zu tun…

Wo Wahlen verloren werden, beginnt die Suche nach Ursachen. Neben Ursachen auf Bundesebene sind manche schnell bei der Hand auch nach landespolitischen Ursachen zu suchen. Denn in Baden-Württemberg z.B. habe man ja mit -2,X % schlechter abgeschnitten als auf Bundesebene, wo man ja nur X Prozentpunkte verloren habe. Doch so einfach ist es nicht. Wer von einem höheren Niveau startet, der kann auch mehr Wähler verlieren. Kann nicht nur, sondern muß auch zwingend. Wenn jeder 10. Wähler z.B. sich entscheidet, nicht mehr Grün zu wählen, dann bekommt man je nach Ausgangsbasis eben andere Prozentpunkte heraus.

Nehmen wir mal an, Wahlkreis A und Wahlkreis B besteht aus jeweils 100 Wählern. In Wahlkreis A haben alle 100 2009 Grün gewählt. Also 100%. Nun entscheidet sich jeder zehnte Wähler nicht mehr Grün zu wählen. Das sind 10 Wähler. Bleiben 90 Grünwähler, also 90%. Die Grünen haben damit in Wahlkreis A 10 Prozentpunkte verloren. In Wahlkreis B haben bislang 50 Wähler grün gewählt. Nun entscheidet sich auch dort jeder 10. Wähler nicht mehr grün zu wählen. Grün verliert also 5 Wähler und kommt auf 45 Wähler, also 45%. Die Grünen haben damit in Wahlkreis B 5 Prozentpunkte verloren. Wer nur auf die Prozentpunkte schaut, könnte meinen: In Wahlkreis A haben die Grünen derbe verloren, in Wahlkreis B ist es nur halb so wild gewesen. Wer das Ausgangsniveau berücksichtigt, der wird bemerken: Wir haben in beiden Wahlkreisen jeweils jeden zehnten Wähler verloren. Und das ist eigentlich die interessante Größe, die einen Vergleich zwischen verschiedenen Wahlkreisen bzw. Ländern erlaubt. Wie sieht das bei der Bundestagswahl 2013 aus?

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Wie man sieht, gibt es durchaus unterschiedliche Ergebnisse, der Bundestrend schlägt zwar überall ein, aber nicht überall gleichermassen. In Berlin ist das Ergebnis besonders schlecht. Jeder vierte Wähler wurde verloren. Besonders gut schneiden mit Niedersachsen und Baden-Württemberg zwei Länder mit starker grüner Regierungsbeteiligung ab. In der der Grafik sind grünregierte Länder grün und nicht-grün regierte Länder rot eingefärbt: Das Bild ist uneinheitlich, man kann keinen Zusammenhang zwischen Regierungsverantwortung und Abschneiden bei der Bundestagswahl erkennen. Das deutet darauf hin, dass Wähler zwischen Landes- und Bundespolitik klar unterscheiden.

Im Mai wurde von Infratest der Baden-Württemberg-Trend veröffentlicht. Auch dabei wurde sehr deutlich, dass die Wähler deutlich zwischen Landtags- und Bundestagswahlen unterscheiden. In der Sonntagsfrage zum Landtag erzielten die Grünen 28%. In der Sonntagsfrage zum Bund erzielten die Grünen in Baden-Württemberg 19% – ein enormer Unterschied. Zu der Zeit lagen die Grünen bundesweit bei 14% (Infratestdaten vom gleichen Zeitraum Mitte Mai). Vergleichen wir diese Zahlen mit dem Wahlausgang: In Baden-Württemberg sind wir von 19% im Mai auf 12,8%  10,9% abgestürzt, das entspricht einem Verlust von 33% 42%. Bundesweit sind wir im gleichen Zeitraum von 14% auf 8,4% abgestürzt, das wären dann 40% Verlust. Das baden-württembergische Ergebnis folgt also treu dem Bundestrend, ist sogar besser als man aufgrund des Bundestrendes eigentlich erwarten könnte. Wer also glaubt, das schlechte Abschneiden mit der Performance der Landesregierung erklären zu können, liegt falsch. Während wir auf Bundesebene 2 von 5 Wählern seit dem Mai verloren haben, waren dies in Baden-Württemberg nur jeder dritter Wähler.

Neben dem schlechten Bundestrend, den wir gemeinsam auf den nächsten BDKen diskutieren müssen – der sicherlich ein ganzes Bündel von Ursachen hat, angefangen bei bestimmten programmatischen Entscheidungen bis hin zu einer grottenschlechten Kampagne – muss deshalb der Blick auf lokale Gegebenheiten gerichtet werden. Lokale Abweichungen vom Bundestrend können nur durch konkrete Problemlagen vor Ort, dem Wahlkampf vor Ort und einen Wahlkreiskandidateneffekt erklärt werden.

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Selbst dort, wo die Landespolitik z.B. mit der Debatte um Musikhochschulen den örtlichen Wahlkampf wie z.B. in Trossingen und Mannheim erschwert hat, sind die Ergebnisse alles andere als eindeutig. Und in Freiburg, dass ja sein Rundfunkorchester verlieren wird (und wo ja mancher auch dachte, das Land könne mal ebenso mit 10 Millionen im Jahr einspringen), scheint das jedenfalls keinen Effekt gehabt zu haben. Stattdessen würde ich das Freiburger Ergebnis mit der starken Kandidatin erklären, die ja auch bei den Erststimmen um 1000 Stimmen zulegen konnte. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass wir statt den Regenpappen eigene Hohlkammerplakate produziert haben ;-)

Hier die Zahlen zum selbernachrechnen.