Es fehlte eine Zukunftsgeschichte!

Seit einigen Tagen liegen für Freiburg Auswertungen seitens des Amts für Bürgerdienste und Informationsverarbeitung vor. Damit ist nun eine vertiefte Analyse des Wahlergebnisses möglich. Wie ich jüngst schrieb, gibt es keine empirischen Hinweise darauf, dass das Wahlergebnis auf die Landespolitik zurückführbar ist, vielmehr spricht vieles dafür, dass der Bundestrend entscheidend ist und lokale Unterschiede wie z.B. die vergleichsweise niedrigen Verluste in Freiburg mit Kandidateneffekt und lokale Themen zu erklären ist.

In der Politikwissenschaften kursierte vor Jahren die These, ob die Grünen ein 68er-Generationenprojekt seien. Mittlerweile haben wir das vom Personaltableau nicht erst seit den Post-Wahl-Personalrochaden gezeigt, dass wir kein Generationenprojekt sind. Viele Nachwuchsleute aus der Grünen Jugend sind in den Fraktionen, sind Minister, sind in den Parteivorständen. Auf Seiten der Wähler konnte man sich lange Jahre auf hohe Anteile bei Jungwählern verlassen. Und diese Jungwähler blieben uns treu. Diese Wahl sieht anders aus (siehe untenstehende Grafik). Wir haben unsere Stammwähler über 45 halten können. In den Altersgruppen unter 45 haben wir massiv verloren.

Quelle: Amt für Bürgerdienste und Informationsverarbeitung, http://www.freiburg.de/pb/site/Freiburg/get/535684/statistik_infodienst_2013-BT-Wahl.pdf

Quelle: Amt für Bürgerdienste und Informationsverarbeitung, http://www.freiburg.de/pb/site/Freiburg/get/535684/statistik_infodienst_2013-BT-Wahl.pdf

Wir sind in Freiburg die Partei, die den geringsten Zuspruch bei Wählerinnen mit Migrationshintergrund findet. Nur 6% unserer Wähler haben Migrationshintergrund. Bei der Linken sind es 18%, bei der CDU 15%. Angesichts des wachsenden Anteils von Migranten ist das alarmierend.

Wie sind diese beiden Erkenntnisse aus der Wahlstatistik erklärbar? Warum haben wir sowohl bei Menschen bis 45 massiv verloren und weshalb haben wir bei Menschen mit Migrationshintergrund so schlecht abgeschnitten? Am Wahlprogramm kann zumindest letzteres nicht liegen: Die Grünen sind die Partei, die sich immer schon am weitestgehensten für weitreichende Partizipationsrechte für diese Bevölkerungsgruppe eingesetzt.

In der Lebensphase bis 45 Jahren ist vieles im Fluß, wichtige Lebensentscheidungen werden getroffen: Welche Ausbildung wähle ich, welche Berufchancen werde ich haben? Gründe ich eine Familie? Wo wird mein Zuhause sein? Starte ich nochmal beruflich auf einem anderen Sektor durch oder mache ich mich selbstständig? Welche Chancen werden meine Kinder haben? Wie kann ich Beruf und Familiengründung unter einen Hut bekommen?

Welche Geschichte haben wir diesen Menschen geboten? 2009 haben wir im Europawahlkampf und im Bundestagswahlkampf eine Zukunft gemalt, die positiv und voller Chancen ist. Wir haben den Green New Deal als neuen Gesellschaftsvertrag angeboten, wir haben „Jobs, Jobs, Jobs“ plakatiert. Mit grünen Themen schwarze Zahlen schreiben: Ökologisierung der Wirtschaft als Chance für nachhaltigen Wohlstand für alle! Wie anders war dieser Wahlkampf: Dort haben wir ein Bild von unserer Gesellschaft gemalt, dass Krise nicht als Chance begreift, sondern die Risiken betont und Abstiegsängste geschürt hat. Das diese Geschichte bei Menschen, die zukunftsorientiert sind, die auf Aufstieg und Wohlstand für sich und ihre Kinder hoffen, nicht verfängt, ist verständlich. Und so ist es kein Wunder, dass so viele junge Menschen wie schon lange nicht mehr Sicherheit gewählt haben. Und das war bei dieser Wahl: Angela Merkel und die CDU. Auch bei Menschen mit Migrationshintergrund ist ein Wohlstandsversprechen ein stärkeres Argument als ein gutes Partizipationsprogramm.

Für die nächsten Wahlen müssen wir wieder eine positive Zukunftsvision entwickeln! Die beste Veranstaltung in Freiburg fand ich eine Veranstaltung mit Ralf Fücks, der sein Buch „Intelligent wachsen!“ zur Diskussion stellte. Da war sie einmal: Die positive Geschichte! Ein fröhlicher Ökokapitalismus, der weltweit für Wohlstand sorgt. Das Buch hat seine Schwächen, aber die Geschichte ist gut und mit solchen Geschichten erreichen wir wieder mehr Menschen und können sie für den sozialökologischen Umbau unserer Industriegesellschaft begeistern.

UPDATE:

Ich wurde gefragt, ob der starke Verlust bei den unter 45jährigen ein Freiburger Spezifikum ist. Da die repräsentative Wahlstatistik auf Landes- und Bundesebene noch nicht vorliegt (Wir scheinen in Freiburg eine schnelle Verwaltung zu haben), weiß ich das nicht. Zahlen von Infratest (das sind vermutlich Wahltagsbefragungen) deuten aber darauf hin, dass das mit dem schlechten Abschneiden bei den Unter-45-Jährigen wohl bundesweit gilt:

chart_2471384

Quelle: http://wahl.tagesschau.de/wahlen/2013-09-22-BT-DE/umfrage-alter.shtml

chart_2364429

Quelle: http://wahl.tagesschau.de/wahlen/2009-09-27-BT-DE/umfrage-alter.shtml

 

UPDATE 2:

Mittlerweile gibt es vorläufige Ergebnisse der repräsentativen Wahlstatistik auf Landesebene. Diese bestätigen die überproportional hohen Verluste bei Wähler_innen unter 45 Jahren in ganz Baden-Württemberg.