Sand im Getriebe

Meine heutige Rede zu Wagenburgen:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Kolleginnen,
sehr geehrte Damen und Herren,

als ich vergangenes Jahr auf einen Parteitag fuhr, habe ich mich mit Ratskollegen aus einer anderen Stadt unterhalten. Was eine Wagenburg war, war nicht bekannt. Ich erklärte: Das sind Menschen, die in Wagen leben. Die Reaktion war verwundert: Ja, finden diese Leute denn keine Wohnung? Nein, antwortete ich, die wollen aus eigener Entscheidung so leben. Weil sie das einfache Leben im Wagen lieben. Weil sie es schätzen, in einer – so die Badische Zeitung heute – mobilen WG Gemeinschaft zu leben.

Was zeigt diese Geschichte: Viele haben sich noch nicht mit Leuten unterhalten, die in Wagen leben. Es gibt Unverständnis und leider auch Ressentiments. Dies macht es für Wagenburgen nicht einfach, private Plätze zu finden. Und wer bewußt einen einfachen Lebensstil pflegt, auch weil er der Konsumgesellschaft vielleicht kritisch gegenübersteht, der hat auch nicht das Kapital und Sicherheiten, sich einfach so ein geeignetes Grundstück zu kaufen.

Um wen handelt es sich hier: Um Menschen, die hier studieren, die hier arbeiten, die hier ihre Kinder in die KiTa und in die Schule schicken. Um Menschen, die in dieser Stadt ihren Lebensmittelpunkt haben. Aber eben entschieden haben: Im Wagen wohnen zu wollen und nicht in einer Wohnung.

Es geht hier nicht darum für Wagenburgler eine Extrawurst zu braten, sondern pragmatisch nach Lösungen zu suchen, die Menschen, die in Wagen leben wollen, helfen. Vollkommen klar ist für uns: Die Stadt hat vielfältige Aufgaben, es fehlt zum Beispiel an Wohnungen. Aber das sollte man nicht in Konkurrenz sehen: Wagenburgen sind mobil und brauchen daher gar keinen festen Platz, auch Zwischennutzungen sind möglich. Bislang wurde eine Zwischennutzung aber mit dem Verweis auf die geltende Beschlußlage immer abgelehnt. Wir glauben aber, dass die Stadt durchaus prüfen sollte, ob nicht Flächen auch für eine Zwischennutzung möglich sind. Für eine Zwischennutzung mit klaren Bedingungen! Sand im Getriebe hat mehrfach gezeigt, dass sie sich an vereinbarte Nutzungsdauern auch halten, zuletzt auf dem Parkplatz der PH. Durch Bürgschaften lässt sich das auch weiter absichern.

Seitens des Runden Tisches wurden nun verschiedene Flächen benannt. Wir haben nicht den Informationsstand der Verwaltung und können daher nicht beurteilen, welche Flächen davon tatsächlich ernsthaft in Frage kommen und welche schon für andere Aufgaben benötigt werden. Wir wissen auch nicht, ob eventuelle Hindernisse einer Zwischennutzung vielleicht auch aus dem Wege geräumt werden können. Das politische Signal ist aber klar: Wir wollen, dass für Sand im Getriebe ein Platz zur Zwischennutzung gefunden wird und die Vorschläge so ernsthaft und wohlwollend seitens der Verwaltung geprüft werden, wie ja die Verwaltung auch jüngst andere knappe Beschlüsse des Gemeinderats bearbeitet hat. Wir glauben auch: Wenn heute die Zwischennutzung auch städtischer Grundstücke politische Unterstützung findet, ist das auch ein Signal an private Grundstücksbesitzer, wohlwollender mit Anfragen seitens Wagenburgen umzugehen. Die Verwaltung hat ja in der vorliegenden Drucksache nochmals bekräftigt, dass sie die Nutzung privater Flächen für Wagenburgen wohlwollend unterstützen wird.

Haben sie auch schon mal ihren Schlüssel verlegt und bemerkt, wie nackt und hilflos, sie sind, wenn sie nicht mehr an das ganze Zeug in ihrer Wohnung kommen? Das gute: Der Schlüsseldienst kommt bald oder der Nachbar, bei dem man den Schlüssel hinterlegt hat. Eine Situation, von der die Menschen von Sand im Getriebe nur träumen können. Denn ihre Wagen wurden beschlagnahmt und sie sind damit aktuell wohnungslos. Keine gute Situation, wenn man nebenher noch seine Abschlussarbeit an der Hochschule schreiben möchte, sich von der Arbeit erholen möchte, Kinder zu betreuen hat. Wir fordern daher die Verwaltung auf, die Wagen wieder an ihre Nutzer zu übergeben.

Ich bedanke mich an dieser Stelle insbesondere bei dem Runden Tisch für die intensive Bemühungen, die dafür gesorgt haben, dass das Thema heute diskutiert werden kann. Und der UL dafür, dass sie einen gemeinsamen Antrag mitgestellt haben. Wir haben Verständnis dafür, dass es bei einzelnen Punkten unterschiedliche Auffassungen gibt und daher die einzelnen Punkte getrennt abgestimmt werden. Wir würden uns freuen, wenn unser Antrag in allen Punkte eine klare und breite Mehrheit in diesem Gemeinderat finden würde und so deutlich würde: Experimentelles Wohnen und das Wagenleben hat seinen Platz in Freiburg.