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Berlinale 2010
03Mrz

Nachtrag: Der Rest aus Berlin

Bevor ich endlich wieder mal was politisches blogge, der Vollständigkeit halber die restlichen Filme, die ich auf der Berlinale gesehen habe:

Im Schatten (Forum): Gaunergeschichte in Berlin. Toll, wie die Stadt durch Autofahrten (keine Verfolgungsjagden, sondern ruhiges Observations-Verfolgen) strukturiert wird. Gute Kamera, gute Darsteller, gelungener Film.

La Pivellina (Generation K+): Ein ausgesetztes kleines Mädchen wird von Zirkusleuten aufgenommen. Sehr herzig, sehr authentisch, Dokufiktion: Die Laiendarsteller spielen sich selbst.

Double Tide (Forum): Zwei Stunden, zwei Einstellungen. Muschelsucher am Strand von Maine. Präzis gewählter Bildausschnitt. Naja. Ob diese Art von Experimentalfilm noch Avantgarde ist…

You yi tian | One Day (Forum): Schönes Traummärchen aus Taiwan. Aber am Ende etwas zerfasert und zu lang und zu dick aufgetragen. Schade, die erste Stunde war wirklich stark.

Winter’s Bone (Forum): American Independent Film über eine Siebzehnjährige, die sich um die kranke Mutter und die beiden kleinen Geschwister kümmert – und nun auch den verschwundenen Vater finden muß, um das Haus nicht an die Kautionsbehörde zu verlieren. Das alles spielt sich in einem ländlich-kleinkriminell-rohen Klima ab. Hat mir gut gefallen und hat dann auch vollkommen zurecht einige Preise bekommen. Würde mich freuen, wenn der Film einen Verleih finden würde.

Sunny Land (Forum): Etwas bemüht-überfrachtetes postmodernes Doku-Essay. Und ich habe dann auch tatsächlich noch das passende Begleitbuch an einem Büchertisch gesehen. Als Kombination sicherlich ganz gut, aber der Film alleine funktioniert meines Erachtens nicht wirklich. Da das Thema (Luxusressort in Südafrika während der Apartheid und heutzutage) aber ein spannendes ist, ist es vielleicht doch ganz gut, dass es den Film zum Buch gibt, zumal die Outtakes aus einem zeitgenössischen ARD-Bericht zu einer Miss World-Wahl wirklich sehenswert sind.

Nénette (Forum): Mein absoluter Favorit und der einzige Film, der dem Freiburger Publikum unbedingt gezeigt werden muss. 70 Minuten Bilder von Nénette und ihren Mitbewohnern im Orang Utan-Gehege  eines Pariser Zoos. Und dazu die Gespräche der Zoobesucher und Interviews mit den Tierpfleger. Komisch, Philosophisch, Unterhaltend, Nachdenklichmachend.

Joy (Generation 14+): Junge Frau auf der Suche nach ihrer Mutter, die sie als Baby ins Heim gab. Identitätskrise. Irgendwie hatte ich das Gefühl diesen Film vor Jahren schon einmal gesehen zu haben…

Kosmos (Panorama): Der neue Film von Reha Erdem, der letztes Jahr mit “Hayat Var” ein kleines Meisterwerk auf der Berlinale präsentierte. “Kosmos” hat wie der letztjährige Film tolle Bilder, ist sehr rhythmisch strukturiert und hat eine sehr interessante Tonspur. Aber: Die Geschichte ist dann doch sehr allegorisch-mythisch und wenn man das nicht so gerne mag, ist der Film ziemlich anstrengend. Dennoch: Das türkische Kino ist momentan ziemlich spannend.

Pus | Haze (Forum): … was man aber von diesem türkischen Film nicht behaupten kann. Zwei Stunden lang trister Stillstand. Einfach nur anstrengend.

Na-neun gon-kyeong-e cheo-haet-da! | I’m in Trouble! (Forum): Stellenweise ganz witzige Geschichte um einen jungen Poeten, dem die Freundin abhanden kommt, weil er einfach unzuverlässig ist und in betrunkenem Zustand ziemlichen Mist baut. Mehr dann aber auch nicht.

Kyoto Uzumasa monogatari | Kyoto Story (Forum): Dreiecksgeschichte in Kyoto. Möchtegernkomiker, Bücherwurm/trottliger Wissenschaften und als Love Interest eine Bibliotheksangestellte. Ich mußte früher gehen, mir wurde aber versichert nichts verpasst zu haben.

Eine flexible Frau | The Drifter (Forum): Irgendwie fühlte sich der Film wie 80er an, spielt aber heutzutage. Eine halbe Stunde, dann bin ich doch lieber zum nächsten Film.

Yi yè Tái bei | Au revoir Taipei (Forum): Und noch ein netter Film aus Ostasien. Ein junger Mann möchte unbedingt nach Paris, hängt immer zum Französischlernen in einer Buchhandlung rum, gerät in eine wilde Gangstergeschichte herein. Und am Ende bekommt er dann das nette Mädchen aus der Buchhandlung. Wie gesagt: Nett. Taiwan, Südkorea, Japan: Dieses Jahr ziemlich enttäuschend.

Fazit: Das war seit langem die schwächste Berlinale. Es waren kaum Filme dabei, von denen ich sagen würde: “Wow. Die möchte ich unbedingt in Freiburg zeigen.” Da alle anderen Berlinalebesucher, mit denen ich gesprochen habe, ein ähnliches Fazit ziehen, lag es wohl nicht daran, dass ich zufällig in den falschen Filmen war. Hoffen wir, dass die Auswahlkommissionen nächstes Jahr ein besseres Programm kuratieren.

Der letzte Jahrgang war übrigens wesentlich besser. Nachdem ja jüngst Love Exposure in Freiburg zu sehen war, freue ich mich, dass im Rahmen einer Filmreihe zu Istanbul nun mit Hayat Var ein weiterer herausragender Film aus dem letztjährigen Forumsprogramm im Kommunalen Kino läuft. Leider hatten wir nur einen Caligari-Preis zu vergeben, dieser Film hätte ihn auch verdient gehabt. Also: Unbedingt anschauen!

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17Feb

Zehn Filme, Teil II

Mittlerweile sind es zwar mehr als zehn:
Kanikosen (Forum): Agitpropfilm von Sabu. Hatte mir mehr erwartet. Sabu wie immer sehr stilsicher, tolle Bilder, aber Eisenstein hat die Meßlatte, was Aguitprop anbelangt schon vor 80 Jahren so hoch gehängt, dass der Japaner die Latte reißt. Da helfen auch vereinzelte, ironische Szenen nicht.
Parade (Forum): 4 junge Leute in einer WG. Und ein fünfter Untermieter kommt dazu – für uns Europäer, die wir ja manchmal Probleme haben, die ganzen jungen Japanergesichter auseinanderzuhalten, sehr kompatibel gedreht, die Protagonisten sind auch durch Haarlänge und -färbung gut unterscheidbar. Kleine Geschichten, die sich sehr schön verschränken und Spannung aufbauen, denn ein Serienmörder ist unterwegs. Ob und wer aus der WG das ist, das errät man lange nicht. Leider habe ich die letzten zehn Minuten verpasst, um die letzte U-Bahn zu bekommen.
Congo in four Acts (Forum): Vier Kurzdokus über Kongo, ziemlich interessant, wenn man sonst nichts über das Land weiß.
Lohn der Angst (Retrospektive): Inhalt spare ich mir, einer der großen Filmklassiker. Und jeder sollte wissen, das der Film im Normalformat (1:1,37) ist und nicht Scope. Die Vorführer wussten es nicht und mussten erst durchs Publikum informiert werden. Peinlich. Und das bei der Retrospektive eines der größten Filmfestivals dieser Welt.
Iep! (Generation K+): Kinderfilm. Ein schräges älteres Ehepaar, der Mann findet ein seltsames Vogelmenschlein, das aber den Erziehungsversuchen der übermotivierten Mutter entfliegt, eine lustige Reise schließt sich an, das Vögelchen wieder zu finden. Herzig. Und holländisch ist einfach eine lustige Sprache.
Goruden Suramba | Golden Slumber (Panorama): JFK-Verschwörungstheorie auf japanisch. Ein Kurierfahrer wird verdächtigt, den Premier in die Luft gejagt zu haben, einzige Hilfe sind alte Schulfreunde und ein Serienkiller. Rasant und unterhaltsam.

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15Feb

Die ersten zehn

So die ersten zehn Filme sind gesehen, hier mal was zu den ersten vier. Bislang noch nichts richtig ärgerliches, aber noch nichts richtig beglückendes. In der gesehenen Reihenfolge:

El vuelco del cangrejo | Crab Trap (Forum): Ein junger Mann – man weiß nicht, warum er ubedingt in dieses Niemandsland will – kommt in ein kolumbianisches Fischerdorf. Und irgendwie will er dann auch ganz schnell wieder weg. Wahrscheinlich werden diese Warums irgendwann aufgeklärt, aber der – schön fotographierte – Film plätschert so dahin, dass dann doch mein Schlafdefizit gewann.

Kawa no soko kara konnichi wa | Sawako Decides (Forum): Eine junge Frau, die Pech mit den Jobs und den Männern hat. 5 Jahre Tokio, 5 Jobs, 5x sitzengelassen. Mit Nummer Sechs, einem wollstrickenden Öko, geschieden, kleine Tochter, kehrt sie zum kranken Vater zurück und bringt die heimische Muschelverpackungsfabrik wieder auf Vordermann. Mädchen wird starke Frau, aber irgendwie wussten die Filmemacher nicht, ob sie nun eine Komödie, ein Familienmelodram oder ein Frauenprotrait drehen wollten. Aber: Bislang der unterhaltsamste Film. Wäre was fürs Grüne Kino…

Neo-wa na-eui i-shib-il-seki | Our Fantastic 21st Century (Forum): Kleine, aber feine Studie über eine junge Frau in Korea, die für die erträumte Schönheitsoperation in ihrem Supermarktjob kleinere Betrügereien begeht, von ihrem Freund bestohlen wird usw. Deprimierend genau beobachtet. Bislang der beste Film.

Kenta to Jun to Kayo chan no kuni | A Crowd Of Three Japanisches Roadmovie um zwei Jugendfreunde, die sich – nachdem sie Büro und Auto ihres Chefs verwüstet haben – auf den Weg quer durch Japan machen. Wie eine Klette an Ihnen heftend eine junge Frau, die sich in den einen verliebt hat. Stellenweise fantastisch, ansatzweise komisch, wandelt sich der Film recht schnell dann doch zum Autorenthesenkino. Gut: Die Schauspieler, insbesondere das Mädel, gespielt von Ando Sakura, die man ja als fiese Koike aus “Love Exposure” kennt und die hier einen ganz anderen Part hat. A propos “Love Exposure”: Wundert man sie dort, dass sich die vier Stunden, die der Film ging, wie zweieinhalb anschauen, ist “A crowd of three” so zäh, dass man nach gefühlten drei Stunden nichts sehnlicher als den Abspann wünscht, aber dann kommt leider noch ein Blinker, und noch ein Blinker. Sicherlich die längsten 131 Minuten des Festivals…

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